1871: Straßburg wird deutsch

Im Mai 1871 kam Althoff in eine vom Krieg gezeichnete, teilweise zerstörte Stadt. Sechs Wochen lang war Straßburg von den Preußen und ihren Verbündeten belagert und beschossen worden, ehe es sich am 28. September 1870 ergab. Die alte Stadt- und Universitätsbibliothek, die eine legendäre mittelalterliche Handschriftensammlung beherbergt hatte, war den Kämpfen zum Opfer gefallen. Selbst das berühmte Münster hatte Schäden davongetragen. Die französischen oder frankophilen Eliten, unter ihnen viele Universitätsprofessoren, hatten sich zum erheblichen Teil in die weiterhin zu Frankreich gehörenden Gebiete abgesetzt. Die verbliebene Bevölkerung fühlte sich mehrheitlich keineswegs befreit, sondern annektiert. Der preußische Ministerialrat Ludwig Adolf Wiese, der Elsass-Lothringen im Mai und Juni 1871 besuchte, schrieb über seine Eindrücke: „Die Entfremdung der Lothringer und ebenso der Elsässer von Deutschland ging viel tiefer und ihre Anhänglichkeit an Frankreich war inniger als ich erwartet hatte; sie hatten keine nationale Fühlung mehr mit uns“.

 

Wer wie Althoff aus Preußen oder einem anderen deutschen Staat nach Straßburg kam, um ein neues Aufgabenfeld zu übernehmen, zweifelte nicht an der Legitimität des Anschlusses. Kontrovers aber war der Weg, der fortan zu beschreiten war: Sollte der – vorwiegend passive – Widerstand durch ein hartes Regiment gebrochen werden, oder war es aussichtsreicher, die Bevölkerung Elsass-Lothringens durch behutsame Integration für Deutschland zu gewinnen? Beide Wege hatten in Preußen einflussreiche Fürsprecher, und das am 9. Juni 1871 verabschiedete Reichsgesetz zur Vereinigung von Elsass und Lothringen mit dem Deutschen Reich garantierte für sich genommen noch nicht, dass der liberale Weg bevorzugt werden würde. Das Gesetz konstituierte das „Reichsland“ Elsass-Lothringen, das aus Teilen der alten Landschaften Elsass und Lothringen gebildet wurde. Zum Unterschied von den deutschen Bundesstaaten hatte es keinen eigenen Regenten, sondern war unmittelbar dem Kaiser unterstellt. Gleichzeitig wurde die von Bismarck-Bohlen geführte Militärverwaltung durch ein rein ziviles Oberpräsidium abgelöst.

 

Portrait von Franz von RoggenbachWenn sich der Umgang mit dem neu gewonnenen Territorium in der Folgezeit eher liberal als annexionistisch gestaltete, so war dies vor allem die Konsequenz zweier Personalentscheidungen. Am 25. Juli 1871 wurde Franz Freiherr von Roggenbach als Reichskommissar für die Universitätsneugründung eingesetzt, und am 6. September trat Eduard von Möller an die Spitze der Zivilverwaltung des Landes. Während Althoff seinen ersten Vorgesetzten von Kühlwetter, der ihn eingestellt hatte, kaum jemals zu Gesicht bekam, weil sich dieser (nach Auskunft Sachses) vorwiegend in Berlin aufhielt, gewährte ihm von Möller das Privileg enger Zusammenarbeit.

 

Wie sich dieser in seiner Amtsführung gegenüber der elsässischen Bevölkerung verhielt, ist einer Bemerkung Althoffs über Edwin Freiherr von Manteuffel zu entnehmen, der – nunmehr in der Funktion eines Statthalters – 1879 an von Möllers Stelle getreten war: „Es gereicht dem Statthalter ohne allen Zweifel zu großem Lobe, daß er nicht ein strammes Regiment nach dem Geschmack deutscher Heißsporne eingeführt, sondern an dem Möllerschen System der Milde und Versöhnlichkeit festgehalten hat“. Dieses Urteil entstammt einem Brief, den Althoff am 27. 9. 1880 an den Straßburger Korrespondenten der „Kölnischen Zeitung“ schrieb.

 

Milde und Versöhnlichkeit – so könnte man auch die integrationspolitischen Maximen kennzeichnen, von denen sich Althoff selbst in Straßburg leiten ließ. Man kann sie nicht besser ausdrücken als mit den Worten seines Biographen Sachse: „Es galt, Elsaß-Lothringen für Deutschland zu gewinnen. Seine Herzensgüte kam den Elsaß-Lothringern, die nicht freiwillig Deutsche geworden waren, entgegen. Er wollte ihren Gefühlen gerecht werden. Wo immer er Einfluß besaß, machte er ihn würdig und offen, warm und weitherzig geltend, um die Härten des politischen Wechsels zu mildern. Was Frankreich Gutes gebracht, sollte erhalten, was es gefehlt, sollte gebessert werden“.

Hubert Laitko