Eine Universität im politischen Kalkül

Es ist unwahrscheinlich, dass Althoff schon mit dem Ziel nach Straßburg ging, sich in die speziellen Fragen der Wissenschaftsverwaltung einzuarbeiten. Die elsässische Metropole bot ihm die Chance, seinem beruflichen Weg eine neue Richtung zu geben, und er war offen für die Herausforderungen, denen er dabei begegnen würde. Die überragende Bedeutung, die das neu gegründete deutsche Kaiserreich der Straßburger Universität für die Integration des „Reichslandes“ in seinen Verbund beimaß, brachte es mit sich, dass es gerade hochschulpolitische Probleme waren, die in den Vordergrund dieser Herausforderungen traten.

 

In Berlin war man sich von vornherein darüber im Klaren, dass mit der staatsrechtlichen Eingliederung der neu gewonnenen Territorien der Kampf um die Köpfe ihrer Bewohner noch keineswegs entschieden war, sondern gerade erst beginnen würde. Heinrich von Treitschke, ein für seine forciert nationalistische Haltung bekannter preußischer Historiker, schrieb in den „Preußischen Jahrbüchern“ schon im August 1870, als die Kämpfe noch in vollem Gange waren: „Warum sollte Straßburgs ehrwürdige Hochschule, wieder hergestellt nach schimpflicher Verstümmelung, für die deutsche Gesittung am Oberrhein nicht ebenso segensreich wirken wie Bonn gewirkt hat für den Niederrhein?“.

 

Die militärische Niederlage mit dem ihr folgenden Gebietsverlust war für Frankreich eine tiefe Demütigung, auf Dauer gestellt durch die ihm auferlegten fünf Milliarden Franc Kriegskontribution, die die weitere wirtschaftliche Entwicklung des Landes ebenso bremste, wie sie den deutschen „Gründerboom“ beflügelte und auch den Investitionen in die Wissenschaft zugute kam. Auf die Spitze getrieben wurde das alles durch eine subtile Kränkung, die die Siegermacht dem unterlegenen Gegner zufügte: Die Krönung des preußischen Königs Wilhelm I. zum Kaiser des Deutschen Reiches, die symbolkräftige Apotheose der mit mehr als 40.000 Kriegstoten allein auf deutscher Seite bezahlten staatlichen Vereinigung, erfolgte am 18. Januar 1871 nicht etwa im Berliner Schloss, sondern im Spiegelsaal des Schlosses von Versailles, mitten im Herzen des besiegten „Erbfeindes“.Proklamation des deutschen Kaisers im Schloss Versailes

 

Seit der Revolution von 1789 hatte sich die kulturelle Bindung der Bevölkerung Lothringens und des Elsass an Frankreich zunehmend stärker ausgeprägt. So konnte Frankreich, auch wenn ihm das Gebiet des neuen deutschen „Reichslandes“ einstweilen verloren war, immer noch um die Sympathien und Überzeugungen seiner Bewohner werben. Ein Teil Lothringens mit Nancy als Zentrum war bei Frankreich geblieben. Die neue französische Regierung beschloss, die dortige Akademie zu einer Musterhochschule auszubauen, neue Lehrstühle einzurichten und diese mit den aus Straßburg geflohenen Hochschullehrern zu besetzen.

 

Diese Nachricht ließ in Berlin die Alarmglocken läuten. Gleich in drei Sitzungen beriet der Reichstag im Mai über die Idee, anstelle der bis dahin bestehenden französisch geprägten Anstalt in Straßburg eine deutsche Universität zu schaffen. Das wissenschaftliche Format, das die Straßburger Alma mater zu französischen Zeiten besessen hatte, wurde bewusst kleingeredet. Robert Römer, ein Tübinger Juraprofessor, erklärte am 24. 5. im Reichstag: „Es handelt sich hier in der That um eine Neuschöpfung. Denn was bisher Universität in Straßburg geheißen hat, war durchaus keine Universität in deutschem Sinne“. In der gleichen Sitzung initiierte Wilhelm Wehrenpfennig, der Herausgeber der Preußischen Jahrbücher, den von der überwältigenden Mehrheit der Abgeordneten gebilligten Antrag an den Reichskanzler, „die Aufrichtung einer deutschen Universität in Straßburg baldmöglichst ins Werk zu setzen“.

 

So trat von Roggenbach sein Amt als Reichskommissar für die Universitätsneugründung im Sommer 1871 sogar noch vor dem Übergang Elsass-Lothringens vom Generalgouvernement zum insgesamt zivil verwalteten „Reichsland“ an. Er war ein liberal denkender Politiker. Bismarck handelte geschickt, als er mit diesem Amt einen Mann betraute, der eher zu seinen politischen Gegnern als zu seinen Anhängern zählte, aber ein Favorit des Kronprinzen Friedrich Wilhelm war. Diese Personalie kam dem Universitätsprojekt außerordentlich zugute. Unter dem Schirm der von Roggenbach eigenen Liberalität konnte Althoff die ersten Proben seiner wissenschaftspolitischen Begabung ablegen.

 

Freilich vermochten beide bei Weitem nicht alles zu erreichen, was ihnen vorschwebte. So scheiterte ihre Absicht, eine Reihe wichtiger Lehrstühle parallel mit deutschen und mit französischen Gelehrten zu besetzen, wie vom Brocke schreibt, „am neudeutschen Nationalismus des Reichstags und vieler Professoren, die wie der Historiker und Reichstagsabgeordnete Heinrich von Treitschke in der Reichsuniversität weniger ein Mittel zur Versöhnung als zur Germanisierung sahen“. Aber wesentliche Teile ihrer Planungen wurden umgesetzt. Damit geriet die Straßburger Universität insgesamt zu einer interessanten Neuerung, die bei der Modernisierung des deutschen Hochschulwesens in der wilhelminischen Ära eine nicht zu unterschätzende Rolle spielte. Wichtig war diese Konstellation auch für Althoffs persönliche Entwicklung. Wäre ein rigider Nationalist wie von Treitschke zum Universitätskommissar ernannt worden, so wäre seine wissenschaftspolitische Kreativität womöglich verdorrt – unter von Roggenbachs Ägide konnte sie sich frei entfalten.

Hubert Laitko