Althoff und das Tuberkuloseproblem I: Robert Kochs Sturmangriff

Als Althoff seine Arbeit im Kultusministerium aufnahm, stand die wissenschaftliche Öffentlichkeit der Hauptstadt noch im Banne eines Ereignisses, das zu Recht als Sensation empfunden worden war. Am 24. März 1882 hatte der Bakteriologe Robert Koch in einer Sitzung der Berliner Physiologischen Gesellschaft die Entdeckung des Tuberkelbazillus (Mycobacterium tuberculosis) bekanntgegeben. Damit war der Erreger der „Schwindsucht“, einer der gefährlichsten Seuchen, wissenschaftlich dingfest gemacht. Der damals 26jährige Paul Ehrlich, später selbst einige Jahre Mitarbeiter Kochs, schilderte den unauslöschlichen Eindruck, den dieser Vortrag bei ihm hinterlassen hatte: „Es war in einem kleinen Raum des Physiologischen Instituts, als Koch unter Vorlegung zahlloser Präparate und Beweisstücke die Ätiologie der Tuberkulose mit überzeugender Kraft darlegte. Jeder, der diesem Vortrag beigewohnt hatte, war ergriffen, und ich muß sagen, daß mir jener Abend stets als mein größtes wissenschaftliches Erlebnis in Erinnerung geblieben ist“.

 

Althoff wurde dadurch nicht allein auf die Person Kochs aufmerksam, sondern auch auf die Bakteriologie als eine der modernsten und vielversprechendsten Richtungen der medizinischen Forschung. Dieses Gebiet eröffnete reale Aussichten, den Ursachen der gefürchteten Infektionskrankheiten, denen die Medizin bis dahin weitgehend machtlos gegenüber gestanden hatte, endlich auf die Spur zu kommen. Ungeachtet ihrer enormen Zukunftsaussichten hatte aber die Bakteriologie bis dahin keinen gesicherten Platz an den Universitäten erringen können. Darin lag eine echte Herausforderung für den preußischen Hochschulreferenten, zumal der Erzrivale Frankreich mit Louis Pasteur, der 1880 mit der Entdeckung des Erregers der Hühnercholera von sich reden gemacht hatte, über einen der fähigsten Bakteriologen jener Zeit verfügte.

 

Koch hatte zuerst in der Fachwelt Aufsehen erregt, als es ihm 1876 als Kreisarzt in dem entlegenen pommerschen Städtchen Wollstein gelungen war, den Bacillus anthracis als Erreger des Milzbrandes zu identifizieren und im Zusammenhang damit Grundzüge einer Standardmethodik zum Nachweis bakterieller Erreger von Infektionskrankheiten zu entwickeln. Im gleichen Jahr war in Berlin das Kaiserliche Gesundheitsamt, eine Reichsbehörde, als zentrale wissenschaftliche Kontroll- und Prüfinstanz gegründet worden; dessen Direktor Heinrich Struck berief 1880 Koch als Mitglied an die von ihm geleitete Einrichtung. Für ihn und seine wenigen, aber hochbegabten Mitarbeiter wie Georg Gaffky und Friedrich Loeffler wurde dort ein kleines bakteriologisches Laboratorium geschaffen, in dem ihm alsbald der Nachweis des Tbc-Erregers glückte.

 

Die Öffentlichkeit verstand diesen Nachweis nicht nur als ein Stück Erkenntnisgewinn, sondern zugleich als Ouvertüre zur Entwicklung einer erfolgreichen Tuberkulosetherapie. Sie sah darin ein stillschweigendes Versprechen, dessen Einlösung von Koch erwartet wurde. In der Tat stellte er sich selbst diese Aufgabe und arbeitete mit hoher Intensität daran. Der akuten Gefahr, dass Koch eine Professur für Pathologie in Leipzig übernehmen und damit Berlin verloren gehen könnte, begegnete Althoff, indem er ungeachtet des Unwillens der Medizinischen Fakultät an der Berliner Friedrich-Wilhelms-Universität die Errichtung einer Professur für Hygiene mit einem zugehörigen Institut durchsetzte. Im Sommer 1885 wurde das Institut im Gebäude der ehemaligen Gewerbeschule in der Klosterstraße eröffnet, und Koch trat an seine Spitze.

 

Neben der Lehre für die Berliner Studenten erfüllte das neue Institut vor allem eine Multiplikatorfunktion für die Bakteriologie und ihre zu einem guten Teil auf Koch zurückgehende Arbeitsmethodik. In sechs Intensivkursen pro Jahr wurden dort Ärzte aus dem In- und Ausland bakteriologisch fortgebildet, im ersten Jahrfünft des Instituts waren es insgesamt mehr als 1000. Für Koch war das Institut ein entscheidendes Mittel seiner Etablierung im akademischen Milieu; auch die widerstrebende Berliner Medizinische Fakultät fand sich letztlich mit seiner Professur ab. Dennoch war er mit seiner universitären Position, die ihn mit Lehre überlastete und vom Forschen abhielt, nicht auf Dauer zufrieden. Was er eigentlich anstrebte und 1890 auch explizit vorschlug, war ein lehrfreies Institut für Infektionskrankheiten, das modern ausgestattet, wesentlich größer als das bakteriologische Laboratorium im Gesundheitsamt und entsprechend der Komplexität seines Gegenstandes mit einem multidisziplinär aufgebauten Team erstklassiger Forscher besetzt sein sollte. Etwas Vergleichbares hatte es auf der Welt noch nicht gegeben, doch das 1888 in Paris gegründete Institut Pasteur, das seinerseits Erfahrungen des Berliner Hygieneinstitut aufnahm, bewegte sich deutlich in diese Richtung.

 

Althoff war unbedingt dafür, Koch zu dem angestrebten Institut zu verhelfen. Die Zeit war dafür reif, und an begabten jungen Forschern, die sich mit Eifer in das neue Feld eingearbeitet hatten, fehlte es nicht. Doch außeruniversitäre Forschungsinstitute waren zu jener Zeit noch alles andere als eine Selbstverständlichkeit, und wer in Preußen ein solches errichten wollte, der brauchte sehr gute Argumente, damit das Abgeordnetenhaus die erforderlichen Mittel bewilligte. Dabei war allen Beteiligten klar, dass das überzeugendste aller denkbaren Argumente die Präsentation eines wirksamen Tuberkuloseheilmittels sein würde, In dieser Situation fand im August 1890 in Berlin der X. Internationale Medizinische Kongress statt. Er war so überlaufen, dass der größte damals in Berlin verfügbare Raum, die 8000 Personen fassende Arena des Zirkus Renz, für die Sitzungen des Kongresses hergerichtet werden musste.

 

Der Berliner Internist Ernst (1896 von) Leyden, stellvertretender Vorsitzender des Organisationskomitees – und einer der wichtigsten medizinischen Vertrauensleute Althoffs (94 Briefe sind im Nachlass erhalten) – erinnerte sich an dieses Ereignis: „Die Erwartungen waren aufs höchste gespannt, da unter der Hand bekannt geworden war, daß Robert Koch in der ersten Sitzung Mitteilung über eine bisher geheimgehaltene, weltbewegende Entdeckung machen würde. Als dann der damalige Kultusminister v. Goßler in seiner Ansprache auf diese große Entdeckung des berühmten Forschers, die Erfindung des Tuberkulins, hinwies, dessen Einspritzung die Tuberkelbazillen zu töten und dadurch eine Heilung der Krankheit herbeizuführen vermöge, ging es wie ein Sturm der Begeisterung durch die Versammlung“.

 

Da mochte Koch in seinem anschließenden Referat noch so sehr zu vorsichtiger Zurückhaltung mahnen – Berlin war im Tuberkulinrausch: „Alle von dieser grausamen Krankheit Befallenen glaubten sich schon gerettet, und wer irgend die Mittel dazu besaß, eilte nach Berlin in der festen Hoffnung, dort geheilt zu werden. Aus allen Ländern der Erde wurden Ärzte entsandt, um das Wundermittel – und sei es auch nur eine Probe davon – heimzubringen“. Die größte Sorge war, dass die Menge des hergestellten Tuberkulins der riesigen Nachfrage nicht gewachsen sein könnte. Aber jedem Rausch folgt der Katzenjammer. Für das Tuberkulin kam er früh und massiv.

Hubert Laitko