Althoff und das Tuberkuloseproblem 3: die Mühen der Ebene

Die 1880er Jahre galten als das „heroische Zeitalter“ der medizinischen Bakteriologie. Die Erregerjagd wurde zur Arena eines fieberhaften Wettstreits, auch auf internationaler Ebene und hier vor allem zwischen deutschen und französischen Forschern. Die militante Sprache der wilhelminischen Ära schlug auch auf dieses Feld durch. Auf einem Kongress 1886 sangen deutsche Ärzte begeistert das Lied „Krieg den Bacterien!“, in dem es hieß: „Nein, auf Collegen, zum fröhlichen Krieg / Mit den Bacterien – uns winket der Sieg!“

 

Vor dem Hintergrund übersteigerter Heilserwartungen war die Tuberkulinpleite eine herbe Enttäuschung. Sie führte den Fachleuten drastisch vor Augen, dass auch bei Kenntnis des verursachenden Bakteriums mit einem langen, mit Stolpersteinen aller Art gepflasterten Erkenntnisweg zu rechnen war, bis man über eine zuverlässige Therapie und Prophylaxe verfügte. Auch in unserer Zeit ist das Tuberkuloseproblem noch immer nicht endgültig gelöst. In Europa ist diese Krankheit durch den Einsatz von Antibiotika zwar aktuell weitgehend im Griff, doch mit dem Auftreten antibiotikaresistenter Stämme von Tuberkulosebakterien, das seit den 1980er Jahren verstärkt beobachtet wird, sind neue dunkle Wolken am therapeutischen Horizont erschienen. Mit gutem Grund hat die Weltgesundheitsorganisation (WHO) im Jahre 1996 den 24. März zum Welttag der Tuberkulose erklärt. Der von ihr herausgegebene Global tuberculosis report nennt für 2012 weltweit 1,3 Mio. Todesfälle, andere Quellen geben sogar bis zu 3 Mio. an.

 

Zu Althoffs Zeiten lagen die Antibiotika noch in weiter Ferne – es war unumgänglich, sich mit einer therapeutisch ungenügend beherrschten Situation zu arrangieren. Wie besonnen und vielschichtig Althoff – der als Jurist natürlich kein eigenes kompetentes Urteil in medizinischen Fachfragen haben konnte – dabei vorging, ist beispielhaft für seine Fähigkeit, sich in unübersichtlichen Lagen zu bewegen und zwischen leichtfertigem Aktionismus und resignierter Tatenlosigkeit die richtige Mitte zu finden. 1891 konnte, trotz des eklatanten Fehlschlages, niemand verantwortlich behaupten, dass das Tuberkulin als Therapeutikum wirklich ungeeignet war. Koch hatte es überhastet entwickelt, binnen weniger Monate – ein aberwitziges Verfahren, wenn man es an dem heute für die Einführung neuer Medikamente zwingend vorgeschriebenen akribischen Verfahren misst, das Jahre in Anspruch nimmt. So war es immer noch denkbar, dass diese Substanz ein im Prinzip geeignetes Heilmittel war, bei dessen Herstellung oder Anwendung irgendwelche bislang unbekannten, aber durch weitere Forschung aufzudeckenden und zu behebenden Fehler unterlaufen waren. Koch jedenfalls hielt bis zum Lebensende daran fest, und Althoff konnte nicht ausschließen, dass der große Bakteriologe damit im Recht war.

 

An dem von ihm bis 1904 geleiteten Institut für Infektionskrankheiten konnte Koch seine Tuberkulinarbeiten unter günstigsten Bedingungen fortsetzen. Ein Vierteljahrhundert nach der Entdeckung des Tuberkelbazillus leitete Althoff 1907 die Gründung der Robert-Koch-Stiftung zur Bekämpfung der Tuberkulose (sie besteht in veränderter Gestalt noch heute) in die Wege. Mit Hilfe des Herausgebers der Deutschen Medizinischen Wochenschrift, Julius Schwalbe, beschaffte er für sie ein Stiftungskapital in Höhe von 1 Mio. Mark; Andrew Carnegie, der amerikanische Stahlindustrielle und Philanthrop, steuerte dazu eine hohe Summe bei. Die erste Tranche der Zinsen in Höhe von 20.000 Mark wurde 1909 – ein Jahr vor seinem Tod – an Koch für die Fortsetzung seiner Tuberkulosestudien ausgezahlt. Der russisch-französische Bakteriologe Ilja I. Metschnikow berichtete, dass er Koch noch in diesem Jahr bei Versuchen zur Optimierung des Tuberkulins angetroffen habe.

 

Mit dem für jene Zeit fürstlichen Jahresgehalt von 20.000 Mark, weit höher als das normale Einkommen eines Lehrstuhlinhabers an der Universität, war Koch aller materiellen Sorgen ledig. Zugleich aber schob Althoff der Neigung Kochs zu finanziellen Spekulationen energisch einen Riegel vor, indem er für die Übertragung des Direktorats mehrere Bedingungen stellte: das Recht des Staates zur entschädigungsfreien Verfügung über alle von Koch im Institut und mit dessen Mitteln erreichten Erfindungen; den Verzicht auf ärztliche Privatpraxis; die lückenlose Offenlegung des Verfahrens zur Herstellung des Tuberkulins.

 

Aber was immer aus dem Tuberkulin werden mochte – aktuell stand keine wirksame Tuberkulosetherapie zur Verfügung, und es blieb, wie Eckart bemerkt, als Ausweg „einzig die an Heilstätten gebundene Klimabehandlung“. Ruhe, klare Luft, gute Ernährung – darauf hatte schon die 1855 in Görbersdorf in Schlesien von Hermann Brehmer gegründete Anstalt gesetzt. Die Sanatorien, die an ausgewählten Orten wie Davos diesem Muster folgten, waren elitäre Einrichtungen für Wohlhabende. In den 1890er Jahren brach sich der Gedanke Bahn, dass auch Kranken aus ärmeren Bevölkerungsschichten Sanatoriumsaufenthalte ermöglicht werden müssten. Es entwickelte sich eine starke, lokal und regional verwurzelte Bewegung für den Bau und den Betrieb von Lungenheilstätten. Althoff beobachtete diese Bewegung aufmerksam und beteiligte sich 1894/95 selbst an der Vorbereitung und Gründung des Berlin-Brandenburgischen Heilstättenvereins, dessen Vorsitz sein Vertrauter, der prominente Berliner Internist Ernst von Leyden, übernahm, Die von 1898 bis 1900 erbaute Heilanstalt in Belzig, die schon im ersten Jahr ihres Bestehens 300 Tuberkulosepatienten betreute, gibt es noch heute – jetzt als Reha-Klinik im Verbund des Diakonischen Werke.

 

Mit dem Aufschwung des Heilstättenwesens zeigte sich zugleich, dass ergänzend eine tiefgegliederte Infrastruktur der Tuberkulosefürsorge erforderlich war. Im Zusammenwirken mit engagierten Medizinern wie Bernhard Fraenkel, Martin Kirchner, Ernst von Leyden, Gotthold Pannwitz und Julius Schwalbe konnte Althoff bis zum Ende seiner Amtszeit erreichen, dass dieses Netzwerk in Preußen Gestalt annahm. Dazu gehörten einerseits Medizinal-Untersuchungsämter zur Feststellung übertragbarer Krankheiten, in denen praktische Ärzte auf Staatskosten bakteriologische Erregernachweise vornehmen lassen konnten, und andererseits Auskunfts- und Fürsorgeanstalten für Lungenkranke, von denen auch schwere Fälle, für die keine Heilungsaussicht mehr bestand, betreut und unterstützt wurden.

 

Die Vielfalt der regionalen Aktivitäten bedurfte zugleich einer gewissen Bündelung und Integration. Auch das gehörte zu Althoffs Handlungsprogramm, und er hielt es für angezeigt, hier die Grenzen Preußens zu überschreiten und im gesamtdeutschen Rahmen zu agieren. Im Herbst 1895 wurde im Reichskanzleramt die Gründung des Deutschen Central-Komitees zur Errichtung von Heilstätten für Lungenkranke beschlossen. Erster Generalsekretär wurde Pannwitz, Althoff trat in das Präsidium ein. Satzungsgemäßer Zweck des Komitees war es, „im Gebiete des Reiches die für die Bekämpfung der Tuberkulose als Volkskrankheit geeigneten Massnahmen anzuregen und zu fördern, insbesondere auf die Errichtung von Heilstätten für unbemittelte und minderbemittelte Lungenkranke hinzuwirken und erforderlichenfalls die Errichtung solcher Heilstätten durch die Gewährung von Zuschüssen zu den Kosten der Begründung zu unterstützen“. Der Heilstättenbau nahm einen stürmischen Aufschwung – allein von 1900 bis 1902 wuchs die Zahl der Volksheilstätten in Deutschland von 33 auf 57. Da der Aufgabenkreis des Komitees den Rahmen des Heilstättenbaus deutlich überstieg, wurde es 1906 in Deutsches Zentralkomitee zur Bekämpfung der Tuberkulose (DZK) umbenannt. Das DZK können wir noch heute im Register der deutschen Institutionen finden – als Zusammenschluss juristischer Personen (Bundesländer, Institute, wissenschaftliche Gesellschaften usw.), der ihre Bemühungen im Kampf gegen die noch immer bedrohliche Krankheit koordiniert.

Hubert Laitko