Ein Palast für die Chemie

Am 14. Juli 1900 meldete der Berliner Local-Anzeiger: „Das erste chemische Institut der Berliner Universität wurde heute Mittag in Gegenwart des Cultusministers, vieler Räthe des Ministeriums und einer großen Zahl von Vertretern der Wissenschaft feierlich eröffnet. Es ist auf dem Terrain des alten Charité-Friedhofs, auf dem heute Hessische Straße genannten Gelände errichtet. Der in drei Theile zerlegte Neubau zeigt eine in hellem Putz ausgeführte Facade mit hellgelben Verblendern für die Gesimse und die Fenster- und Thüreinrahmungen. Drei Stockwerke besitzt der Hauptbau. In diesem befinden sich die Räume für die speziellen chemischen Arbeiten, so für Photo-Chemie, Thermo-Chemie, Pyro-Chemie, Metallurgie u. s. w. Das Institut hat drei Hörsäle, unter diesen das große Auditorium mit 400 Plätzen“. Der für mehr als 1,6 Mio. M errichtete Komplex war zur Zeit seiner Fertigstellung das größte und bestausgestattete chemische Institut der Welt und wurde zum Vorbild für ähnliche Bauten in vielen Ländern.

 

In der Pressenotiz war ferner zu lesen: „Dem Festakt hatte, wie noch erwähnt sein mag, der Vater des Directors, der Rentier Fischer, ein 92jähriger Greis, beigewohnt“. Der nunmehrige Rentier Laurenz Fischer hatte dreißig Jahre zuvor seinem einzigen Sohn Emil eine kaufmännische Laufbahn zugedacht, und als dieser die Kaufmannslehre hinwarf und 1871 ein Studium der Chemie in Bonn aufnahm, soll der Vater das mit den Worten kommentiert haben: „Der Junge ist zum Kaufmann zu dumm, er soll studieren“. Nun sah Fischer senior an seinem späten Lebensabend den Sohn auf der Höhe seines Ruhmes, als einen der bedeutendsten Chemiker jener Zeit, dem schon zwei Jahre später der Nobelpreis ins Haus stand.

 

Wie aber war Emil Fischer nach Berlin gelangt, und wie hatte er den Bau dieses einzigartigen Instituts durchsetzen können? Althoff war stets bestrebt, das ganze Spektrum der an den Universitäten vertretenen Wissenschaftsgebiete zu überschauen und deren mannigfache Bedürfnisse zu berücksichtigen. Dieses Spektrum war damals indes schon so weit aufgefächert, dass er nicht umhin kam, Schwerpunkte zu setzen. Ein solches Schwerpunktfeld mit absoluter Priorität war die Chemie. In einem von ihm am 1. Juli 1895 an Wilhelm II. gerichteten Verwaltungsbericht hieß es: „Bei den philosophischen Fakultäten steht gegenwärtig […] unter den Naturwissenschaften die Chemie im Vordergrund des Interesses“.

 

Im letzten Drittel des 19.Jhs. trat in den Wechselbeziehungen zwischen Wirtschaft und Naturwissenschaft mit den – wie es im angelsächsischen Raum hieß – science based industries ein neuartiges Phänomen auf den Plan: Industriezweige, die ohne eine leistungsfähige wissenschaftliche Grundlage gar nicht möglich waren. Die Vorreiter dieses neuen Typs von Industrien waren die Chemie und die Elektrotechnik. Vor allem die erstere stützte sich wissenschaftlich weitgehend auf die klassischen Universitäten. Für den raschen Ausbau ihrer eigenen Forschungs- und Entwicklungskapazitäten war die chemische Industrie auf ein entsprechendes Angebot von solide und auf dem modernsten Stand ihrer Wissenschaft ausgebildeten jungen Chemikern angewiesen. Eine einzige Vergleichszahl mag das Ausmaß dieser Aufgabe verdeutlichen: 1870 waren in Deutschland 1700 Chemiker tätig, Mitte der 1890er Jahre waren es bereits 6000.

 

Berlin war eine Hochburg sowohl der aufstrebenden Chemieindustrie als auch der chemischen Wissenschaft. Allein von 1889 bis 1991 befassten sich (nach Angaben von Bärbel Boschan) von den insgesamt 106 naturwissenschaftlichen Dissertationen, die an der Friedrich-Wilhelms-Universität verteidigt wurden, nicht weniger als 76 mit Themen aus der Chemie. Als Althoff nach Berlin kam, war hier die universitäre Chemie glänzend besetzt – mit dem Liebig-Schüler August Wilhelm (seit 1888: von) Hofmann, dem Pionier der organischen Synthesechemie, der mit seiner in London gemachten Entdeckung eines industriell verwertbaren Verfahrens zur Anilinsynthese den Weg für den beispiellosen Aufschwung der Fabrikation synthetischer Farbstoffe mehr als jeder andere wissenschaftlich eröffnet hatte. Seine Autorität war groß genug, um den Bau eines neuen, seinerzeit vielbewunderten Instituts in der Berliner Georgenstraße durchzusetzen.

 

Es war ein herber Schlag für die Berliner Chemie, als Hofmann 1892 unerwartet starb. Althoff gelang es, als dessen Nachfolger mit Emil Fischer den Talentiertesten aus der jüngeren Organikergeneration nach Berlin zu holen – mit großen Versprechungen und noch mehr Diplomatie, denn der Kandidat hatte sich auf seiner Professur im idyllischen Würzburg bestens eingerichtet und zeigte von sich aus wenig Neigung, in die Hauptstadt zu übersiedeln. Die wichtigste unter den Bedingungen, die Fischer stellte und die Althoff zähneknirschend schlucken musste, war – wiederum – die Errichtung eines neuen Instituts. Diese Forderung stieß verbreitet auf Skepsis, denn der Bau in der Georgenstraße war noch kein Vierteljahrhundert alt. Aber Fischer hatte viel daran auszusetzen. Wie er in seinen Lebenserinnerungen schrieb, war das Institut „für chemische Zwecke recht unpraktisch gebaut. Überall fehlte es an Luft und Licht, und ein großer Teil des bebauten Raumes bestand aus dunklen und unbenutzbaren Korridoren“. Der Heizung bescheinigte er „einen traurigen Zustand, denn die dafür vorhandenen Torföfen funktionierten so schlecht, daß ein Teil der Studenten sich Privatgasöfen angeschafft hatte, die natürlich dem Institut durch den Gasverbrauch teuer zu stehen kamen“.

 

Die enormen Mittel für den Neubau konnte Althoff, obwohl er sie zugesagt hatte, nicht ohne Weiteres auftreiben. Das führte zu zeitweiligen Spannungen und Konflikten zwischen ihm und Fischer. Der selbstbewusste Chemiker spielte mit dem Gedanken, Berlin wieder zu verlassen, und was es dazu in die Wege leitete, waren schon mehr als bloße Gedankenspiele. Wo Althoff – so schien es – zu schwach war, konnte nur noch die mächtige Industrie helfen. So geschah es auch. Der 1877 gegründete Verein zur Wahrung der Interessen der chemischen Industrie Deutschlands – ein handlungsstarker Unternehmerverband – richtete von seiner Eisenacher Generalversammlung im September 1896 an die preußische Unterrichts- und Finanzverwaltung die dringende Bitte, den Mängeln in der Einrichtung der chemischen Institute an den Universitäten abzuhelfen. Im Oktober sprach eine Abordnung des Vereins – an ihrer Spitze der Vorsitzende Kommerzienrat Julius Holtz, Vorstandsmitglied der Chemischen Fabrik auf Actien, vorm. E. Schering in Berlin – beim preußischen Finanzminister vor. Nun gab es keine Einwände mehr, und Fischer erhielt sein teures Institut.

 

Das ist alles richtig und trifft dennoch nur die Oberfläche des Geschehens. Wenn Althoff nicht im Vordergrund agierte, so bedeutet das noch lange nicht, dass er nicht die Fäden gezogen hätte. In derart wichtigen Fragen kalkulierte er genau die Kräfteverhältnisse und die sich daraus ergebenden taktischen Schritte. Am 11. 7. 1896 hatte Fischer dem Ministerium eine Denkschrift über das I. Chemische Institut in Berlin vorgelegt. Daraufhin veranlasste Althoff, wie Ralph-Jürgen Lischke gezeigt hat, im September in einem vertraulichen Brief Fischer, sich sowohl an den Kultus- und den Finanzminister als auch an den Industriellenverein zu wenden, und dieser bestätigte in seiner Antwort, er habe seine Eingaben „genau nach Verabredung“ an die genannten Adressaten weitergeleitet. Mit gutem Grund schrieb Fischer in seinen Erinnerungen, er hätte in Übereinstimmung mit vielen Kollegen Althoff „damals für die bedeutendste Persönlichkeit im preußischen Kultusministerium gehalten“.

 

Bei zwei schweren Luftangriffen im Februar und März 1945 wurde Fischers legendäres Institut fast vollständig zerstört. Nach mühevollem Neuaufbau wurde das rekonstruierte große Auditorium am 18. Januar 1953 als „Emil-Fischer-Hörsaal“ wiedereröffnet.

Hubert Laitko