Ein Amerikaner als Althoff-Forscher

1989 war kein besonders geeignetes Jahr, Friedrich Althoffs 150. Geburtstag zu feiern – die meisten Deutschen, auch die Wissenschaftler, waren da von ganz anderen Problemen umgetrieben. Dennoch blieb das große Jubiläum nicht unbemerkt, und ein Buch wurde pünktlich auf Althoffs Geburtstagstisch gelegt. Es trug den Titel Berufungspolitik innerhalb der Altertumswissenschaft im wilhelminischen Preußen, und sein Untertitel gab Auskunft über den konkreten Inhalt: Die Briefe Ulrich von Wilamowitz-Moellendorffs an Friedrich Althoff (1883 – 1908).

 

Nicht allein das zeitgerechte Erscheinen sollte Anlass sein, heute an dieses exzellent gestaltete Werk zu erinnern. Es war das allererste Buch, das sämtliche erhalten gebliebenen Briefe eines der zahlreichen wissenschaftlichen Berater Althoffs an diesen der Öffentlichkeit präsentierte. Schon der bloße Abdruck wäre verdienstvoll gewesen. Die vorgelegte Ausgabe aber leistete sehr viel mehr. Jedes relevante Ereignis, das in den Briefen erwähnt war, und jeder darin genannte Name wurden in Fußnoten erläutert, und ein komplettes Namensregister erschloss das Massiv der Korrespondenz. Damit wurden für den wissenschaftlichen Standard von Quelleneditionen im Rahmen der Althoff-Forschung Maßstäbe gesetzt. Die 86 Briefe, in deren Texten vieles nur angedeutet oder stillschweigend vorausgesetzt ist, wurden durch den beigefügten Apparat zu einer Galerie, die Interessierte in chronologischer Folge durchwandern und dabei tiefe Einblicke in ein Vierteljahrhundert Hochblüte der Altertumswissenschaften in Deutschland gewinnen können.

 

Zur Althoff-Zeit bildeten die Wissenschaften, die sich der Erforschung des klassischen Altertums widmeten, noch immer die Königsklasse der Gelehrsamkeit und genossen in der gebildeten Welt allerhöchste Wertschätzung. Dies war eine Spätfolge dessen, dass die Universitätsreformen des frühen 19.Jhs., die den Forschungserfolg zum entscheidenden Kriterium für Professorenlaufbahnen gemacht hatten, im Zeichen des „Neuhumanismus“ erfolgt waren – einer umfassenden geistigen Bewegung, die in Anspielung auf den ursprünglichen Renaissancehumanismus die Hinwendung zur Antike auf ihre Fahnen geschrieben hatte. Obwohl inzwischen die Natur- und Technikwissenschaften zu den eigentlichen Treibern für einschneidende Veränderungen im Muster der wissenschaftlichen Fachgebiete geworden waren, hatte für deren Vertreter ihr Aufstieg zunächst die Form eines Aufholens: Sie strebten danach, für ihre Fächer endlich jenes gesellschaftliche Prestige zu erreichen, das die Wissenschaften vom klassischen Altertum schon lange besaßen.

 

Althoff war sich dessen bewusst. Er tat, was in seinen Kräften stand, um die weltweite Spitzenstellung Deutschlands auf dem Feld der Altertumswissenschaften zu wahren und weiter auszubauen. Deshalb förderte er auch Wilamowitz nach Kräften – einen profunden Kenner der Sprache, Geschichte und Kultur des alten Griechenland, großartigen Forscher und obendrein auch noch glänzenden Redner. William Calder III wiederum, der zusammen mit Alexander Košenina den Korrespondenzband herausgab, ist eine weltweit erste Adresse, wenn es um Wilamowitz geht. Als einer der führenden Altertumswissenschaftler der USA und Inhaber der William Abbott Oldfather-Professur an der University of Illinois in Urbana-Champaign ist der heute emeritierte Gelehrte auch als Historiker seines Fachgebietes hervorgetreten und kennt die Geschichte der Altertumswissenschaften in Deutschland bis in ihre feinsten Verästelungen. Der amerikanische Althistoriker Mortimer H. Chambers, dem wir unter anderem die Übersetzung der aristotelischen Schrift über die Staatsverfassung der Athener ins Deutsche (Berlin 1990) danken, sagt über ihn, er sei „probably the most widely known American classical scholar. This is surely true in Germany, the country whose scholarly traditions he has illuminated…“

 

Es gab (und gibt) keinen “Masterplan” und nicht einmal eine Empfehlung, in welcher Reihenfolge die einzelnen Partien aus Althoffs halbamtlichem Briefnachlass am besten publiziert werden sollten. Sicher war es ein Zufall, dass gerade Calder mit Wilamowitz zuerst kam, doch es war ein Zufall mit tieferer Bedeutung, denn nichts hätte diese – immer noch sehr kurze – Serie besser eröffnen können als eine Edition aus dem Feld der Altertumswissenschaften. Calder hatte schon über verschiedene deutsche Gelehrte publiziert, aber Wilamowitz war sein Favorit, und ihm zu Ehren hatte er seinem Haus in Urbana den Namen „Villa Mowitz“ gegeben. Dieses Haus beherbergt seine einzigartige wissenschaftliche Privatbibliothek, die zu einem Mekka für begabte junge Forscher aus aller Welt geworden ist.

 

Mit seiner Professur war ein Fonds (Annual Research Fund) verbunden, aus dem Forschungsstipendien für ausländische Gäste gezahlt werden konnten. Ein solches Stipendium erhielt 1988/89 Alexander Košenina, heute Professor für Germanistik an der Leibniz-Universität Hannover, damals ein junger Literaturwissenschaftler, der dabei war, sich seine wissenschaftlichen Sporen zu verdienen. Die Gelegenheit war günstig, gemeinsam den Briefbestand zur Publikation vorzubereiten. Calder hatte ihn seit 1986 im Althoff-Nachlass erschlossen, nachdem Chambers ihn zuerst auf diese Bestände hingewiesen hatte. Sehr wichtig waren ihm dabei, wie er selbst schrieb, die Standardpublikationen Bernhard vom Brockes zum „System Althoff“ und die mit diesem geführten Diskussionen.

 

Die Forschungen William Calders zur deutschen Wissenschaftsgeschichte schlagen einen säkularen Bogen. Sie sind auch ein auf höchstem Niveau abgestatteter Dank der klassischen Philologie in den USA an die deutsche Tradition dieses Gebietes, von der seine nordamerikanischen Gründerväter entscheidende Anregungen empfangen hatten. Drei Namen hebt Calder besonders hervor: Basil L. Gildersleeve promovierte 1853 in Göttingen; Paul Shorey machte seinen Doktor 1884 in München; ebenfalls in München holte sich 1908 Oldfather seinen Doktorhut. Oldfather war einer der letzten amerikanischen Altertumswissenschaftler, die einen wesentlichen Teil ihrer Ausbildung in Deutschland empfingen. Seit 1909 hatte er die Professur in Urbana inne, die später seinen Namen erhielt und die Calder 1988 übernahm.

 

Näher betrachtet, offenbart freilich auch die ihrem Inhalt nach der Zeitgeschichte fernstehende Briefedition das Gepräge ihres Publikationsjahres, denn sie verkörpert beispielhaft Idee und Praxis grenzüberschreitender Zusammenarbeit. Den Althoff-Nachlass, der vor der deutschen Vereinigung in der DDR lagerte, hatte Calder bei zwei Archivbesuchen in Merseburg 1986 und 1988 eingesehen. Im Vorwort des Buches dankte er verschiedenen Wissenschaftlern aus der Bundesrepublik wie aus der DDR für Hinweise und weitere Unterstützung. Unter ihnen war auch Dietrich Ehlers aus Ostberlin, der im September 1989 – ein Jahr später als Košenina aus Westberlin – zu einem Forschungsaufenthalt nach Urbana reiste. Daraus ergab sich eine fruchtbare Zusammenarbeit, aus der, diesmal unter Beteiligung von Ehlers, zwei weitere Briefeditionen hervorgingen: Hermann Diels – Theodor und Heinrich Gomperz; Diels - Wilamowitz.

 

Der Wilamowitz-Althoff-Band war nach den Bedingungen seiner Entstehung schon über den Kalten Krieg hinaus. Gleichwohl trägt er unsichtbar noch seine Narben, denn der talentierte Wissenschaftshistoriker Ehlers fand keine Möglichkeit mehr, seine Forschungen fortzusetzen. Die gediegenen Quelleneditionen aber, die unter Calders wissenschaftlicher Leitung entstanden sind, werden auch für künftige Historikergenerationen ihren Wert behalten.

Hubert Laitko