Umzug zur letzten Ruhestätte

Der Botanische Garten in Berlin ist einer der größten und bedeutendsten seiner Art. Rund 22.000 Pflanzenarten beherbergt Berlins „grüne Schatzkammer“, wie ihn Hans-Walter Lack – langjähriger Direktor an dieser heute zur Freien Universität gehörenden Institution – in einem Aufsatz nennt. Längst liegt dieser Garten nicht mehr, wie noch zur Zeit seiner Einrichtung, außerhalb der Stadt. Aber die Bebauung, die ihn umgibt, ist aufgelockert, verschiedene Gebäude der Universität sind in seiner Nähe zu finden, dazwischen breitet sich viel Grün aus, so dass sich dem Auge des Betrachters ein angenehm fließender Übergang zwischen Drinnen und Draußen darbietet.

 

Wer den Garten durch den repräsentativen Eingang am Königin-Luise-Platz betritt, trifft nach einem kurzen Spaziergang auf ein kleines Gräberfeld. Neben den Grabstätten verdienter Botaniker, die man dort erwartet, begegnet man auch der letzten Ruhestätte eines Mannes, der durchaus kein Vertreter der Wissenschaft vom Pflanzenreich war, ohne den es aber sehr wahrscheinlich die ganze Anlage an diesem Ort gar nicht gegeben hätte. Unter den Plätzen, an denen er gern vom Leben ausruhen wollte, hatte Friedrich Althoff auch den Botanischen Garten genannt. Dieser Wunsch ist nur zu verständlich: Viele der wichtigsten Anliegen seines ministeriellen Wirkens laufen – wie in einem Knoten eines weitverzweigten Netzes – im Projekt der Verlegung des Gartens zusammen.

 

Um die Mitte der 1890er Jahre dürfte er sich ziemlich sicher gewesen sein, dass dieses Werk gelingen würde. Nach Englers zustimmendem Gutachten wurde energisch an den Planungen gearbeitet. Althoff und der Universitätsbaureferent Otto Naumann, den er schon aus seiner Straßburger Zeit kannte und der wie er selbst von dort nach Berlin gekommen war, sicherten vom Kultusministerium aus den Fortgang der Arbeiten, Engler und der Architekt Alfred Koerner waren die eigentlich Ausführenden. 1895 stellten sie ihren Plan für die Neuanlage vor.

 

Die Verlegung eines botanischen Gartens ist ein sehr viel schwierigeres Unternehmen als die Übersiedelung irgendeines beliebigen Instituts an einen neuen Ort, bei der es genügen mag, Gerätschaften, Bibliothek und Mobiliar von einem Gebäude in ein anderes zu transportieren und dort wieder aufzubauen. Hier liegen die wesentlichen produktiven Strukturen im Terrain selbst, und ihre Überführung an eine andere Stelle ist weit mehr eine sinngemäße Reproduktion als eine bloße Verlagerung. Sie nimmt deshalb auch bei perfekter Durchführung Jahre in Anspruch und muss entsprechend minutiös geplant werden.

 

Engler, Koerner und ihre Mitarbeiter waren dieser heiklen Aufgabe offenkundig gewachsen. Althoff betrachtete Engler als einen seiner Vertrauten; mindestens 125 Dokumente ihrer Korrespondenz sind erhalten geblieben. Nach der sorgfältigen Vorbereitung war es nun erforderlich, die Zustimmung beider Kammern des preußischen Landtages zu gewinnen. Welche Argumente den Parlamentariern am meisten einleuchten würden, war Althoff wohl bewusst. Die kolonialen Belange gehörten ebenso dazu wie der rituelle Hinweis auf die ausländische Konkurrenz.

 

Besonders überzeugend wirkte stets die Erklärung, dass ein beabsichtigtes Vorhaben zwar große Vorteile bringen, die öffentliche Hand aber wenig oder nichts kosten würde. Deshalb rückte Althoff die enormen Erlöse in den Vordergrund, die der Verkauf der nach erfolgtem Umzug nicht mehr benötigten Flächen an der Potsdamer Straße erbringen sollte. Er kalkulierte, dass die zu erwartenden Einnahmen ausreichen würden, um nicht nur die Verlegung des Botanischen Gartens, sondern obendrein auch noch die dringend erforderliche Sanierung, Rekonstruktion und Erweiterung der Charité zu finanzieren. So wurden die beiden Vorhaben auch gesetzgeberisch miteinander verknüpft. 1897 wurde der Entwurf eines Gesetzes betreffend das Charité-Krankenhaus und den Botanischen Garten in den Landtag eingebracht. Nachdem eine von ihm geleitete Kommission noch einmal alle in Frage kommenden Grundstücke geprüft und die Priorität der Lichterfelder Option bestätigt hatte, begründete Althoff in einer großen Rede vor dem Preußischen Abgeordneten-Haus am 6. April 1897 ausführlich den Vorschlag und verwies dabei auch auf das Beispiel des weltberühmten Royal Garden in Kew bei London, der eine Fläche von mehr als 100 ha einnahm. Der Berliner Botanische Garten würde zwar auch nach erfolgter Verlegung nur knapp halb so groß sein, aber gegenüber dem Status quo seine Ausdehnung immerhin vervierfachen. Obwohl die meisten Berliner Abgeordneten, die eine Verlegung nach Treptow lieber gesehen hätten, ihre Zustimmung versagten, wurde der Antrag von beiden Häusern des Parlaments mehrheitlich gebilligt.

 

Unverzüglich begannen nun die vorbereitenden Geländearbeiten. Hügelanlagen wurden aufgeschüttet, um die vorgesehene Topographie zu formen. Nachdem am 30. 8. 1899 schließlich auch Wilhelm II. sein Placet gegeben hatte, konnte die Einfriedung des gesamten Geländes vorgenommen werden und die Errichtung der projektierten Gebäude beginnen. Glanzstück des Gartens wurde ein Komplex von Pflanzenschauhäusern mit 20 Abteilungen. Das Zentrum dieses Komplexes bildete das Tropenhaus, eine für jene Zeit überaus kühne und auch heute noch imponierende Glas-Eisen-Konstruktion mit einer Nutzhöhe von 28 Metern.

 

Althoff erlebte noch die Fertigstellung des Freigeländes 1904 (von da an war der Park ständig für Besucher geöffnet) und die Vollendung des Botanischen Museums 1906. Bevor jedoch der letzte Handschlag am Botanischen Garten getan war, ereilte ihn der Tod. Im Mai 1910 wurde die Anlage anlässlich des in Berlin tagenden internationalen Botanikerkongresses feierlich eröffnet.

 

Das von Hans Krückeberg geschaffene und aus Spenden finanzierte Grabmal Althoffs wurde im November 1911 eingeweiht: „Eine auf einem Steinpostament aufgestützt sitzende marmorne Frauengestalt verkörpert die trauernde Wissenschaft, die einen Lorbeerkranz aufs Grab legt“ (Bernhard vom Brocke). Mehr als ein Jahrhundert später, am 15. Februar 2014, übergab Bürgermeister Dr. Michael Heidinger eine von Willy Hilgert gestaltete bronzene Gedenkplatte, auf der die Worte stehen: „Dem bedeutenden Sohn der Stadt Dinslaken Friedrich Althoff in ehrendem Gedenken“.

 

Seitdem bezeugt das Grabmal endlich auch die Herkunft des Verstorbenen. Mit dieser lange überfälligen Geste hat sich ein Kreis geschlossen. Aufgebrochen vom Niederrhein, ist Althoff ein Berliner geworden, ohne aufzuhören, ein Dinslakener zu sein. In der unauflöslichen Einheit von Herkunft und Vollendung gedenken wir seiner.

Hubert Laitko