Oper, Ballet und die Klassiker

Friedrich Althoff und die Kultur

„Kein Mensch muss müssen“, diese Worte aus Lessings Drama „Nathan der Weise“ waren Friedrich Althoff, dem Bismarck der Kultur, ausgesprochen vertraut und einer der Gründe, warum er Theater schätzte. Besonders die großen Drei der deutschen Bühne, Lessing, Goethe und Schiller, bevorzugte er. Ließen sich doch die Worte der Klassiker als einprägsame Sentenzen im Alltag geschickt unterbringen.

 

Besonders geeignet als Steinbruch geflügter Worte und als Reiseführer schien Althoff Schillers Schauspiel „Wilhelm Tell“. Im Sommer 1867 machte er mit seiner Frau eine erste Reise in die Schweiz, und der legendäre Schweizer Freiheitskämpfer begleitete die frisch Vermählten. Althoff hat größere Teile des Tell auswendig gelernt und später bestimmt die ein oder andere Stelle wiederholt. „Ans Vaterland, ans teure, schließ dich an/Das halte fest mit deinem ganzen Herzen/Hier sind die Wurzeln deiner Kraft“ folgte Althoff Zeit seines Lebens.

 

Ob er sich mit deutschen Autoren bereits am Gymnasium in Wesel ausgiebig befasst hat, ist nicht bekannt. In Deutsch wird ihm auf dem Abiturzeugnis lediglich eine „genügende Sicherheit, Fertigkeit und Gewandtheit“ attestiert. Seine literarischen Leitsterne waren wohl eher Cicero, Horaz und Homer. Halt eine klassische Bildung, wie sie Wilhelm von Humboldt in Preußen eingeführt hatte.

 

Als Student in Berlin sagte er, dass er sich „noch recht viel Vergnügen von dem Schauspielhaus und der Oper“ verspreche, schränkte aber gleichzeitig ein, dass er das Theater „theils aus Mangel an Zeit, theils weil ich nicht früh genug an der Kasse war, um ein Billet zu kaufen, noch nicht besucht habe.“

 

Ob Theaterbesuche später, als Althoff die viel beschäftigte Persönlichkeit im preußischen Kultusministerium war, häufiger stattfanden, ist nicht dokumentiert. Nur einmal schrieb er an seine Mutter, dass er „eine Aufführung vor dem 3. Akt verlassen“ habe. Besucht hatte er im Opernhaus das komische Zauberballett „Flick und Flock“ von Paul Taglioni, das 1858 in Berlin uraufgeführt wurde. Seine chronische Unpünktlichkeit stand einem gelungenen Theatergenuss sicher im Wege. Wie wirkte ein halber Gerhard Hauptmann oder ein Viertel Henrik Ibsen und August Strindberg auf den zu spät Gekommenen?

 

Von den „Ismen“ der Literatur, sei es der Realismus oder Naturalismus, wird Althoff sicherlich Kenntnis genommen haben, aber von einer Lektüre Theodor Fontanes oder Wilhelm Raabes wissen wir nichts. Heinrich Heine hat er sehr geschätzt; wohl mehr den Romantiker der Loreley und rheinischen Landsmann als den Revolutionär, der mit Karl Marx befreundet war.

 

Kein Mensch, auch nicht Althoff, der sein ganzes Leben der Wissenschaft und ihrer Organisation gewidmet hat, muss in allen Kulturbereichen gleichermaßen bewandert sein. Insofern trifft Nathans Weisheit gleichermaßen auf Althoff zu.