Auf dem Juristenpfad

Ein volles Jahrzehnt verging nach dem Bonner Studienabschluss, in dem nichts, aber auch gar nichts darauf hindeutete, dass Althoff einmal zu einem der großartigsten Wissenschaftsbeamten werden würde, die Deutschland je hatte. An wechselnden Gerichten durchlief er die drei Stufen, die einen Juristen in Preußen damals in den höheren Dienst führten, und legte die vorgeschriebenen Prüfungen ab: erst zum Auskultator, dann zum Referendar, schließlich zum Assessor. Den Auskultator – die unterste, unbesoldete Stufe auf der Karriereleiter – gab es gerade noch; 1869, als Althoff schon Assessor war, wurde er abgeschafft und mit dem Referendariat verschmolzen.

 

Nicht alltäglich, aber auch nicht selten war, dass sich ein angehender Jurist zugleich um einen Doktortitel bemühte. Althoff tat es, zumindest hin und wieder – dabei ist schwer zu sagen, wie ernsthaft und intensiv er den Dr. jur. anstrebte. Seine Verlobung in der Weihnachtszeit 1862 scheint seinem Ehrgeiz mächtigen Auftrieb gegeben zu haben. Gleich im Januar reiste er nach Berlin, um sich mit Rudolf Gneist, dem – später geadelten – dortigen Ordinarius für öffentliches Recht, über eine mögliche Dissertation zu beraten. Gneist, der als nationalliberaler Politiker ebenso bekannt war wie als Hochschullehrer und Rechtstheoretiker, wäre für ihn gewiss ein anregender Doktorvater gewesen und ein prominenter dazu.

 

Indes kam es zu der in Aussicht genommenen Promotion nicht. Manchmal stehen in seinen Briefen leise Klagen darüber, dass ihm der laufende Gerichtsbetrieb keine Zeit zur theoretischen Arbeit ließe, an der ihm doch eigentlich weit mehr gelegen sei. „Es ist mir nicht lieb“ – so schrieb er am 8. 10. 1864 an seine Braut – , daß ich auf dem Gericht so viel zu thun habe, weil dabei meine, mir ungleich angenehmeren theoretischen Arbeiten zuviel vernachlässigt werden müssen“. Ein paar Monate später, am 25. 2. 1865, hieß es in einem Brief an seine Schwester: „Mit meinem Fleiß und dessen Resultaten bin ich ganz zufrieden. Nur kann ich bei den sehr vielen praktischen Arbeiten gar nicht daran denken, meine Dissertation zu schreiben“. Von dieser Dissertation aber ist nicht einmal bekannt, welches Thema sie behandeln sollte. Dafür sammelte Althoff später Ehrendoktorate, wie es heute fast nur noch amtierenden Regierungschefs gelingt.

 

Die spärlichen Nachrichten, die wir über Althoffs berufliche Stationen zwischen 1861 und 1870 besitzen, zeugen von einem langwierigen Suchprozess: Sollte er Richter werden, Advokat oder vielleicht juristischer Hochschullehrer? Auch eine Kombination von Privatdozentur an einer Universität und, zum Geldverdienen, einer praktischen Tätigkeit auf dem Feld der Rechtspflege zog er in Erwägung. Nicht zu jeder Zeit, aber doch häufig gewannen seine praktischen Neigungen die Oberhand. Die fälligen Laufbahnexamina nahm er sehr ernst. Wenn die Termine nahten, zog er sich für längere Zeit zurück, um eisern zu büffeln. So wurde er mit dem Prädikat „gut“ zum Referendar ernannt, die Prüfung zum Assessor bestand er sogar mit „sehr gut“.

 

Am 30. Juli 1865, kurz nach seiner Hochzeit, kündigte er seiner Schwester brieflich an, die jungen Eheleute wollten im kommenden Frühjahr nach Koblenz-Ehrenbreitstein übersiedeln: „Dort im Gebiet des gemeinen Rechts, will ich meine Obergerichtsstudien abmachen und wenn mich meine bisherige Lust an der Jurisprudenz nicht verläßt, so darf ich wohl hoffen später einmal etwas ordentliches, wenn auch hoffentlich nicht als Kreisrichter, zu leisten“. In einem Kreisrichteramt waren ihm die Verhältnisse vielleicht zu klein. Darin kannte er sich privat ein wenig aus, denn in Treis an der Mosel hatte sein Bruder ein solches Amt inne. Aber die Beschäftigung mit interessanten Berufungsangelegenheiten, wie er sie ab 1866 am Appellationsgericht in Ehrenbreitstein erlebte, hätte ihm vermutlich eher zugesagt.

 

1870/71 schließlich erwog er den Plan, am Oberhandelsgericht in Leipzig als Advokat zu praktizieren und zugleich Privatdozent an der Universität zu werden. Hätte er den Weg nach Sachsen angetreten, wäre er wohl für Preußen verloren gewesen. Aber schon waren auf der Ebene der großen Politik Entwicklungen herangereift, die seiner Karriere eine entscheidend andere Richtung gaben. Es bedurfte nur noch eines kühnen Entschlusses, die Gelegenheit beim Schopf zu packen und die Leipziger Pläne endgültig ad acta zu legen.

Hubert Laitko