Marie Ottilie Althoff

Portrait von Marie Althoff
Quelle: Staatsbibliothek Berlin - Stiftung Preußischer Kulturbesitz

So unspektakulär sich die 1860er Jahre für Althoff beruflich gestalteten, so einschneidend prägten sie sein persönliches Leben. Zwei Frauen waren ihm überragend wichtig und unwandelbar treu: Die eine, seine Mutter, verlor er in jenem Jahrzehnt – die andere, seine Ehefrau Marie, gewann er. Eine kleine Zeit war die Mutter noch und Marie schon da; es waren gleichsam Jahre der Wachablösung in seiner persönlichsten Sphäre. Sein früherer Mitarbeiter und erster Biograph Arnold Sachse sagt, was ihm beide – die Mutter in der Erinnerung, Marie in der Gegenwart – immer bedeuteten: „Frauen gegenüber war Althoff in der Unterhaltung stets der artige Kavalier, der es an zarter Aufmerksamkeit nicht fehlen ließ… Eine Marburger Professorenfrau führte es auf seine große Verehrung für seine Mutter und auf seine Liebe zu seiner so überaus liebenswürdigen Gattin zurück“. An jedem Morgen soll er, ehe er an die Arbeit ging, das Bild seiner Mutter betrachtet haben.

 

Im Sommer 1862 ließ sich Althoff nach Neuwied am Rhein versetzen, um am dortigen Kreisgericht die für das Referendarexamen erforderlichen praktischen Erfahrungen zu sammeln. Die Stadt, die damals etwa 8000 Einwohner hatte – heute sind es fast zehnmal so viele – , war schon ein Stück der ländlichen Idylle entwachsen; mit Hüttenwerken kündigte sich das aufkommende Industriezeitalter an. Vor allem aber war Neuwied der Ort, in dem der 23jährige Althoff mit der 19jährigen Marie Ottilie Ingenohl sein Lebensglück fand. Wir wissen nicht, ob er vielleicht schon vorher ein Auge auf sie geworfen und deshalb seine Versetzung in ihre Heimatstadt betrieben hatte. Sicher ist, dass beim Weihnachtsball 1862 in Neuwied die Verlobung stattfand und Mutter Althoff, als sie davon erfuhr, ein Stein vom Herzen fiel. Die Aussicht, dass ihr Fritz womöglich Junggeselle bleiben könnte – ein trendiger Single war man damals in Deutschland noch nicht – , hatte ihr schlaflose Nächte bereitet, und aufatmend schloss sie Marie in ihre mütterliche Liebe ein: „Nun habe ich ein Kind mehr, für das ich bete“.

 

Der Name Ingenohl ist in Neuwied von altersher verbreitet. Ein dort geborener Träger dieses Namens hat es bis in die Lexika geschafft: Friedrich von Ingenohl, der zu Beginn des Ersten Weltkrieges die Hochseeflotte der Kaiserlichen Marine kommandierte. Maries lokale Verwandtschaftsverhältnisse harren noch der historischen Untersuchung. Sie muss eine grazile Erscheinung gewesen sein, die mit der eher gedrungenen Gestalt ihres Gatten eigentümlich kontrastierte. Im Spätsommer 1869, nachdem im Vorjahr die Assessorenprüfung glänzend bestanden worden war, unternahm das junge Paar mit dem Hund Peter eine ausgedehnte Reise in die Schweiz, von der ein gemeinsam geführtes Tagebuch erhalten geblieben ist. Am 25. August notierte Althoff darin, „daß auf dem Bahnhofe in Ragaz ein Herr aus Cassel, ein dortiger Medizinalbeamter, besondere Kennzeichen langer grauer Bart, mit der Frage an mich herantrat, ob das junge Mädchen, was sich in meiner Gesellschaft befinde, meine Frau oder Tochter sei…“

 

In der Überlieferung freilich sind neben dem Montblanc an Papieren, die Friedrich Althoffs ausgedehntes Wirken bezeugen, Marie Althoffs Spuren kaum fassbar. Sie verlieren sich in zwar stets respektvollen, aber raren und weit verstreuten Randbemerkungen von Zeitgenossen. Kinder waren dem Paar nicht beschieden. Bei dem von Jahr zu Jahr weiter anschwellenden Arbeitspensum, das Althoff für die Wissenschaft in Deutschland auf sich nahm, hätte er nicht einmal ein Gelegenheitsvater sein können. Ihre eigenen Wünsche, von denen wir nichts wissen, hat Marie ganz und gar zurückgenommen und die Aufgabe ihres Lebens darin gesehen, ihrem Mann den Rücken freizuhalten. Das war alles andere als einfach, auch wenn ihr in der Berliner Wohnung ein Hausmädchen zur Seite stand. Täglich musste sie damit rechnen, dass Althoff wichtige Gesprächspartner unangekündigt nach Hause mitbrachte, die es zu bewirten galt, oder dass er, begleitet von Untergebenen aus dem Ministerium, im häuslichen Arbeitszimmer die Nacht zum Tage machte. Überdies war sie in den heiklen Entscheidungsfragen, vor denen er immer wieder stand, die einzige Person, der er rückhaltlos vertrauen konnte. Ihr konnte er auch seine Zweifel offenbaren, ohne fürchten zu müssen, dass sie ihm als autoritätsmindernde Schwächen angekreidet würden.

 

Von der sicheren Höhe selbstverständlicher Gleichstellung der Geschlechter lässt sich darüber nur zu leicht die Nase rümpfen. Man könnte Althoff einen Autokraten nennen, der in patriarchalischer Anspruchshaltung seine Frau an der freien Selbstentfaltung gehindert habe. Feministischer Hochmut aber würde die Größe, die in Marie Althoffs Verzicht lag, mit Sicherheit verfehlen. Wer sagt uns, dass sie nicht vielleicht gerade in ihrer selbstgewählten Rolle auch ihre menschliche Erfüllung gefunden hat?

 

Am 2. Januar 1864 schrieb Friedrich Althoff aus Wesel seiner Braut einen Neujahrsbrief: „Kurzum. Du hast aus einem ziemlichen Taugenichts einen ziemlich nützlichen Menschen gemacht… Du siehst also, welch große Erfolge Du erzielt hast, welche Verdienste Du Dir sowohl um mich wie um Alle, denen ich vielleicht nützlich sein werde, erworben hast…“ Diese Worte galten für alle Zukunft. In jeder Leistung, mit der Althoff jemals anderen Menschen nützlich wurde, steckt auch ein Stück von ihr. Wir tun gut daran, das niemals zu vergessen. Das Jahr, das wir jetzt feiern, ist, genau genommen, ein Friedrich-und-Marie-Althoff-Jahr.

Hubert Laitko