Die entscheidende Weichenstellung: Althoff geht nach Straßburg

„Das ‚System Althoff’ wurde in Straßburg geboren“. So entschieden formuliert es Bernhard vom Brocke. Die Kenner Althoffs sind sich darin einig, dass der junge Jurist vom Niederrhein in Straßburg seine Berufung fand und seine unverkennbare, nur ihm eigene Arbeitsweise entwickelte, die er nicht wieder verließ und mit der er später in Berlin sein Lebenswerk gestaltete. Es war für ihn ein Glücksfall, dass sich die deutschen Reichsbehörden entschlossen, nach der Annexion Elsass-Lothringens die alte Straßburger Universität von Grund auf neu zu organisieren und zu einer Musterinstitution mit Vorbildwirkung auszubauen. Dort, wo alles erst begann, konnte er sein schöpferisches Vermögen erproben. An einer Alma mater mit festgefügter Ordnung und zementierten Machtverhältnissen wäre ihm das so nicht möglich gewesen.

 

In Straßburg zeichnete er sich in einem solchen Grade aus, dass der Ruf an das Kultusministerium nach Berlin nur noch eine Frage der Zeit war. Aber wie kam der damals noch ganz unbekannte junge Mann an diesen Ort? Man geht wohl nicht fehl in der Annahme, dass sein Wechsel in die elsässische Hauptstadt die entscheidende Weichenstellung auf seinem Lebensweg war. Das ganze Gewicht solcher Entscheidungen erkennt man erst im Rückblick. Wenn sie gerade erst erfolgen, sind sie oft unscheinbar und mehr oder weniger stark zufallsgeprägt.

 

So war es auch hier. Das Großereignis, in dessen Gefolge Althoff schließlich nach Straßburg geriet, war der deutsch-französische Krieg 1870/71. Fürst Otto von Bismarck, seit 1862 preußischer Ministerpräsident und Außenminister, beherrschte das diplomatische Ränkespiel vollendet, doch auch heiße Kriege scheute er nicht, wenn sie ihm nötig schienen. 1870 schließlich stellte er Napoleon III. mit kühler Berechnung eine Falle. In diese Falle tappte der französische Kaiser prompt und erklärte Preußen den Krieg. Die süddeutschen Staaten traten dem angegriffenen Preußen als Bündnispartner zur Seite. Diese Konstellation hatte Bismarck ein Jahrzehnt lang zielstrebig vorbereitet. Nun musste er mit nahezu mathematischer Sicherheit sein großes Ziel erreichen: ein vereintes Deutsches Reich unter Ausschluss Österreichs und unter preußischer Führung.

 

Althoff hatte, wie wohl die meisten seiner Altersgefährten und Landsleute, nicht den geringsten Zweifel daran, dass Preußen einen gerechten Verteidigungskrieg führte. So sah er sich selbst in der Pflicht, dem bedrängten Vaterland zur Hilfe zu eilen. Indes – keine Waffengattung wollte ihn als kriegsdiensttauglich akzeptieren. Ihm blieb nur ein Fronteinsatz im freiwilligen Sanitätsdienst der Johanniter, den er im Sommer 1870 leistete.

 

Sein Gefährte bei diesem Einsatz war sein Freund Ludwig von Cuny, Jurist wie er selbst, aber sechs Jahre älter und entsprechend berufserfahrener. Cuny erkannte rasch die Chancen, die sich mit der Besetzung der ehemals französischen Gebiete für wagemutige Fachleute aus den Reihen der Siegermacht boten. Bald nach der Rückkehr aus dem Feld nahm er unter dem bereits im August 1870 ernannten Generalgouverneur für Elsass-Lothringen, General Friedrich Graf von Bismarck-Bohlen, eine Stelle als Untersuchungsrichter an. Etwas später wurde er Vorsitzender des ständigen Kriegsgerichts für das Elsass.

 

Das Beispiel seines Freundes, mit dem Althoff in ständiger Verbindung stand, scheint ihm keine Ruhe gelassen zu haben. Immer mehr freundete er sich mit dem Gedanken an, selbst nach Straßburg zu gehen. Im März 1871 meldete er sich bei Friedrich von Kühlwetter, der dem Generalgouverneur als Zivilkommissar zur Seite gestellt worden war, und er erbot sich, als Justitiar oder in einem ähnlichen Aufgabenbereich am Neuaufbau der Zivilverwaltung mitzuwirken. Er erhielt eine Stelle und trat sie am 5. Mai an – ein winziges, aber folgenreiches Kollateralereignis der gewaltigen Kräfteverschiebungen, die sich zu jener Zeit in Mitteleuropa vollzogen.

 

Genau ein Jahrhundert zuvor hatte Johann Wolfgang Goethe einen Teil seines Jurastudiums in Straßburg absolviert; nach seinem gar zu ausschweifenden Studentenleben in Leipzig hatte sein Vater die Notbremse gezogen. Friedrich Althoff war kein Student mehr, doch mit der Straßburger Universität bekam bald auch er zu tun – als ihr Mitgestalter in einem Maß, das weit über den Erfahrungshorizont hinausging, den man von einem gerade Zweiunddreißigjährigen erwarten durfte.

Hubert Laitko