kastell 2Neuhoff wollte Margarete Böing ursprünglich Friedrich Althoff in ihrem Roman „Kämpfer“ nennen, doch ihrem Herausgeber war die Ähnlichkeit zu offensichtlich, sodass die Figur nur den Nachnamen Bredenkamp bekam.
Der Roman spielt in Berlin und Rheinstaden, worunter sich Dinslaken verbirgt, und er umfasst die Zeit um 1910, als Althoff bereits seit zwei Jahren tot ist. Der Geheimrat Bredenkamp hat eine Tochter Renate und seine Frau Lydia, geborene von Eyb, ist früh gestorben. Zwei Tatsachen, die nicht auf den realen Althoff zutreffen. Bredenkamps Aussehen und Charakter allerdings sind dem wirklichen Altthoff täuschend ähnlich.
Als Frau des siebzehn Jahre älteren Reichstagsabgeordneten Dr. Diederich Hahn kannte Margarete Böing nicht nur die Verhältnisse und Persönlichkeiten des politischen und kulturellen Leben Berlins, sondern war durch ihre niederrheinische Herkunft mit Dinslaken, dem Geburtsort Althoffs, bestens vertraut.

Variationen der Liebe

In zahlreichen Variationen thematisiert Böing in dem Roman die Liebe:

  • duisburger strdie Partnerliebe zwischen Renate Bredenkamp und dem außerordentlich begabten und gebildeten Wilhelm Dr. Wilhelm Böing auf der Duisburger Straßevon Agg, einst Student in Straßburg bei Renates Vater und nun dessen Vertrauter;
  • die Vaterliebe, denn Bredenkamp schätzt zutiefst seine überaus reizende und lebenslustige Tochter;
  • die Freundesliebe zwischen zwei Akademikern, dem in der Fremde zum höchst einflußreichen Beamten aufgestiegenen Bredenkamp und seinem an den Niederrhein zurückgekehrten Freund aus Kindheitstagen und mitfühlenden Arzt Dr. ter Ponten;
  • die Heimatliebe des in Berlin rastlos tätigen Geheimrates Bredenkamp, dessen Herz aber nach wie vor an Dinslaken und dem Niederhein hängt; und
  • die Vaterlandsliebe, die sich bei allen Romanfiguren in der Wertschätzung des deutschen Kaiserreiches von 1871 ausdrückt.

Bredenkamp alias Althoff

In allen Themenbereichen ist Bredenkamp überaus präsent und wird dementsprechend eingehend beschrieben und charakterisiert: Er ist eine „kraftvolle gedrungene Gestalt“, die „mit leichtgesenkten Haupt“ und „schwerfälligen Gang“ daher kommt, was auch an den „groben Bauernstiefeln“liegt, die Bredenkamp trägt, um seine Distanz zu der großbürgerlich-adeligen Berliner Gesellschaft auszudrücken und andererseits zu zeigen, wo er seine Wurzeln sieht, beim einfachen, klugen Volk.

Sein „breites Gesicht mit dem originellen Bartkranz, der das glattrasierte Kinn und den ausdrucksvollen Mund“ umgibt, ähnelt einem „bäuerlich geschnittenen, westfälischen Gesicht.“ Seine „kleinen listig gekniffenen Augen machen eine überaus energischen und klugen Eindruck.“

Durch Bredenkamp wird der Leser konfrontiert „mit einem besonderen, einem ganz eigenartigen Menschen, der mit seinem Geist alles um sich überragt und der mit seinem Humor Brücken zu seinen Mitmenschen hinüberbaut, um [sich] so manche wertvolle Sympathie zu erobern.“

Bredenkamp ist „Dank seiner fast brutalen Offenherzigkeit und seiner genialen Sicherheit, die etwas Bismarckisches hatte, und nicht nur der kaiserlichen Gnade wegen, deren er sich erfreute, eine angesehene, teils bewunderte, teils gefürchtete Persönlichkeit in den Kreisen der deutschen Gelehrtenwelt wie bei den Gönnern der Kunst und Wissenschaft“.

„In Berlin wunderte man sich oft über [Bredenkamps] vielseitigen intimen Kenntnisse des wirtschaftlichen Lebens am Niederrhein ... Während die anderen Herren allsommerlich Erholung in Bädern, Weltkurorten, an der See oder im Gebirge suchten, verschwand Bredenkamp in seiner kleinen Stadt, lebte wie ein schlichter Bürger und lernte all ihre Sorgen und Nöte kennen ... Er gehörte zu den Männer, die die kleinsten Tatsachen des praktische Lebens beachteten, … und die auch für das öffentliche Leben den Grundsatz vertraten: „Wissen, Bescheid wissen ist Macht.“
portrait althoff

Bredenkamps Politik

Als Margarete Böings alter ego Renate Bredenkamp „in dem gewaltigen langgestreckten Tonnengewölbe der [Reichstags-]Wandelhalle auf und ab“ geht, sieht sie „allerlei bekannte Menschen: Geheimräte aus den Ministerien und Reichsämtern, Abgeordnete, Journalisten und auch Sportpolitiker aus der Gesellschaft, die es an sogenannten großen Tagen nicht lassen können, den Reichstag zu besuchen.“ Renates Besuch des Parlaments macht den Romanleser intensiv vertraut mit den politischen Parteien und Gruppierungen des Kaiserreiches, ihren Vertretern im Reichstag und den Grundsätzen Bredekamps.

Bei einem Treffen mit befreundeten Politikern betont Renate nachdrücklich den Unterschied zwischen ihnen und ihrem Vater. Er fechte „nicht für eine einzelne Partei, sondern er stellt sich über sie und ringt mit allen, um sie seinen Ideen und Plänen dienstbar zu machen.“ Er sei kein „Politiker im gebräuchlichen Sinne des Wortes …, er ist in erster Linie Diener seines Königs und sucht in dessen Sinne die Entwicklung des Vaterlandes auf allen Gebieten der Kunst und Wissenschaft zu fördern. Dafür ist die Politik ihm aber höchstens Mittel zum Zweck und niemals Selbstzweck.“ Vehement widersprechen die Konservativen und Politiker des Zentrums und geben zu verstehen, dass Bredenkamps Auffassung „zweifelsohne etwas reichlich liberal ist“ und er „die Mittel der Politik nicht entbehren … kann, wenn er seine Pläne bei den Parteien durchsetzen will.“ Renate erinnert sie daran, „daß der Weitblick und die Arbeitskraft [ihres] Vaters sein Amt weit über dessen frühere Bedeutung hinaushoben haben.“ Weil Bredenkamp „ein Virtuose des Opportunismus“ sei und „für den wohl gerade deshalb der Kanzler [Bismarck] eine so besondere Sympathie zu haben scheine“, halten sie Renate entgegen.

Neben Renate nimmt auch Bredenkamp selbst Stellung. Er sieht eine seiner Tätigkeiten im Ministerium darin, die nötigen Mittel für Kunst und Wissenschaft zu bekommen: „Das Parlament bewilligt wohl Geld für Heer und Flotte aus Furcht vor dem Auslande und für die Sozialpolitik aus Furcht vor der breiten Masse, aber für die Förderung der kulturellen Aufgaben hat es kein Geld übrig! Da kann ich mir nicht anders helfen als damit, daß ich die reichen Leute plündere, ihnen zum Entgelt Titel und Orden und Ehrenzeichen verschaffe und ihre Namen in Donatoren-Listen eintragen lasse.“ Genau wie Bredenkamp so verfährt Althoff, um seine Projekte zu finanzieren.'

Die Heimat Dinslaken

neussstrasse 1900Luftansicht Region Neustraße um 1920 Bredenkamp hasst jeglichen Zwang, „dem er sich in Berlin so oft unterwerfen“ muss, und deshalb besucht er mehrfach seine Geburtsstadt Dinslaken, wo er „ganz nach seinem Behagen“ leben kann und wo „es keine konfessionellen Gegensätze und keine rabiaten politischen Kämpfe“ gibt. Was im Gegensatz zu den Menschen in anderen preußischen Landesteilen die Niederrheiner zusammen hält, sind „gegenseitige Duldung, ja Verständnis füreinander, liebevolles Eingehen auf vielerlei Eigenart, ..., warme Heimatliebe und stimmungsvolle rheinische Fröhlichkeit, ...“

Nach Bredenkamp liege Dinslaken „auf einer Insel des Idealismus und einer altüberkommenen reichen Kultur, die von den Wogen des immer höher brandenden Meeres der modernen Großindustrie und ihrer Arbeiter, von Plutokratie und Sozialismus umflutet ist.“ Er möchte, dass sich die Menschen auf dieser Insel behaupten „und uns unsere Überlieferungen aus der allzu materiellen Gegenart in eine Zukunft hinüberretten, in der die ästhetische und ethische Kultur unsere Volkes hoffentlich zu neuer Blüte aufleben wird.“

Als Bredekamp wieder einmal am Niederrhein weilt, echauffiert er sich über die „Polonisierung“ und eine „bedrohliche Slawisierung des ganzen Industriegebietes am Niederhein und Westfalen“ durch den rücksichtslos vorgehenden Industriellen Broockmann, hinter dem sich August Thyssen verbirgt. Segen und Fluch dieser Entwicklung liegen für Bredekamp eng beeinander. Einem Dinslakener Gesprächspartner, der von einem unzerstörten, nicht industrialisierten Niederrhein träumt, weist er in die Schranken und sagt ihm: „Wir wollen doch nun mal durchaus ein Industriestaat werden, ja wir wollen sogar – da oben wenigstens – der erste Industriestaat Europas werden, damit wir desto besser eine eine großartige Weltpolitik treiben können.“ Meist vertritt Bredenkamp im Roman recht liberale Ansichten, doch in diesem Fall ist ihm ein Körnchen Imperialismus nicht abzusprechen. Auch eine wohlwollende Betrachtung der Flottenbaupolitik des Kaisers ist herauszuhören, als Bredenkamp über seine Jugend spricht. „Ob die Jungen wohl auch heute noch so famose Wasserschlachten lieferten? Auch unsere Zukunft lag schon auf dem Wasser, ...“

Althoffs unermüdlichen Fleiß belegen die Aktenbündel, die zu Bredenkamp nach Hause gebracht werden. Allabendlich macht er sich an „die Erledigung der Akten …, deren Aufarbeitung manchmal bis nach Mitternacht dauert.“ Dennoch findet er noch Zeit für Geselligkeiten. Zahlreiche Parlamentarier und Journalisten, Wissenschaftler und Kulturtreibende verkehren im Bredenkampschen Hause. Denn trotz des schmalen Beamtengehaltes kann er sich das leisten, ist er doch „wohlhabend durch den rheinischen Grundbesitz seiner Familie.“

Fiktive und reale Figur

Zahllose, der im Roman geäußerten Ansichten entsprechen denen Althoffs. Einige jedoch, besonders die zur Industriephobie, die harschen Worte gegenüber den nach Westen strömenden Arbeitskräften („Polonisierung“) und der Anspruch der deutschen Weltgeltung sind eher Diederich Hahn, dem Ehemann der Autorin, zu zuschreiben. Er vertrat eine ausgesprochen agrar-konservative und nationalistische Haltung und bekannte sich sich offen zum Antisemitismus.

Vorurteile gegenüber anderen Menschen und Völkern sowie Religionen waren Althoff ganz und gar fremd. Mit seiner Gründung einer Akademie in Posen wollte er die Verständigung zwischen Deutschen und Polen fördern und beide Völker einander näher bringen. Gegenüber Religionen war Althoff tolerant. Dies hatte er bereits seit seiner Kindheit und Jugend in Dinslaken verinnerlicht. Bei seiner Berufungspoltik für Professuren interessierte ihn die Konfession nur bedingt; seine Kriterien waren Leistung und Begabung.

Laut seiner Frau war Diederich Hahn eine charismatische Person mit überragender Begabung und strengen Prinzipien. Sein Charisma und seine Prinzipien „erben“ in den Roman zu großen Teilen Bredenkamp und Wilhelm von Agg. Bedeutende Persönlichkeiten und die bestimmenden politischen Themen der Zeit lernte die junge Autorin Margarete Böing an der Seite ihres deutlich älteren Mannes kennen und verarbeitet sie ihrem zweiten, dem 1915 erschienen Roman „Kämpfer“, in dem es um die Kämpfe der Liebe, um den Kampf der alten und reichen bürgerlichen Kultur am Niederhein gegen die materiellen und kapitalistischen Mächte der modernen Großindustrie und nicht zuletzt um das Kämpfen und Ringen „hoch stehender Menschen“ geht. Und der am höchsten Stehende unter den Kämpfern ist Friedrich Althoff.

Alle Zitate aus Margarete Böing. Kämpfer. Ein Roman aus dem alten Dinslaken um das Jahr 1910. alcorde Verlag. Essen 2006

Joachim Schulz-Marzin

Das Buch ist im Stadtarchiv zu erwerben.
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